Deutsch

Der Deutschunterricht im Tutorat hat zum Ziel, in den Bereichen Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben dem Schüler zu grösserer Sprachgewandtheit zu verhelfen. Nach einem eigens entwickelten diagnostischen Test werden grammatikalische und stilistische Defizite schrittweise behoben. Unsere Schwerpunkte: Lesekompetenz (siehe Exkurs unten) und das Abfassen schriftlicher Arbeiten.

Französisch / Englisch / Italienisch / Spanisch

Der Fremdsprachunterricht im Tutorat will  den Spracherwerb am Gymnasium systematisch ergänzen, indem er sowohl den Sprachfluss (fluency) wie auch die grammatikalische Kompetenz (accuracy) fördert. Dabei lernen die Schüler*innen eigene Lernstrategien entwickeln und bewusst einsetzen.

Latein

Latein ist die Mutter vieler europäischer Sprachen und zugleich der Schlüssel zu den kulturellen und geistigen Grundlagen Europas. In unserem Lateinunterricht erlernen Schülerinnen und Schüler nicht nur die lateinische Sprache und lesen lateinische Texte, sie beschäftigen sich zugleich mit römischer Geschichte und Kultur und sie verfolgen das Fortwirken des lateinischen Erbes in der europäischen Tradition. 

Exkurs: Das richtige Lesen neurologisch betrachtet

I. 

Entscheidend für das gelungene Lesen ist das bereits vorhandene Kontextwissen. Erinnerung und die darauf basierende Erwartungshaltung bestimmen das Wahrgenommene. Vereinfacht gesagt: Je mehr Weltwissen wir an einen Text heranführen, desto mehr holen wir aus ihm heraus. Diese Fähigkeit des Lesers, Kenntnis und Begriff der Welt unabhängig vom Erlebten, Erfahrenen vorauszuhaben nennt Goethe «Antizipation» ( Gespr. mit Eckermann, 26.2.4)[1]. Sie bildet die Voraussetzung für das «predictive coding», jene allgemeine Fähigkeit des Geistes die Parameter der verwendeten neuronalen Algorithmen so anzupassen, dass sie uns auf zukünftige ähnliche Situationen vorbereiten.

 

II.

Beim frühkindlichen Lesen sowie beim Lesen im Fremdsprachunterricht müssen immer Lautbild und Schriftbild in Bezug gesetzt werden: lautes Vorlesen und gleichzeitiges Hören und Lesen von Texten, in Abwechslung mit stillem Lesen. Die Schwierigkeit beim Lesenlernen ist vornehmlich das Erlernen des Zusammenhanges zwischen einem Phonem als kleinster sinntragender Lautgruppe und einem Graphem, einer sinnbildenden Buchstabengruppe. Das Lesen wird flüssiger, wenn das Gehirn mehr und mehr lernt, Laute und Buchstabenfolgen automatisch zu verbinden und schliesslich kontextabhängig zu variieren.

 

III.

Basierend auf Jakobsons Sprachproduktionstheorie müssen wir folgern, dass der/die Lernende lernen muss, sowohl assoziative (paradigmatische) wie syntagmatische (grammatikalische) Beziehungen gleichzeitig zu erfassen. Jedes sinnerfassende Lesen beruft sich auf diese beiden Instanzen, die eine Funktion  von verschiedenen Faserbündeln zwischen Wernicke und Broca sind. Die Neurologin Angela Federici fand in diesem Areal auch empirische Belege für die von Chomsky postulierte Universalgrammatik (2008).


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[1]  Der Begriff der «Antizipation» erinnert an Platons Begriff der «Anamnesis» (erläutert in den Dialogen Menon, Phaidon und Phaidros). Nach Platons Theorie beruhen Erkenntnisse auf Erinnerungen, die durch äußere Anstöße wieder in das Bewusstsein zurückgerufen werden.

 

IV.

Schon früh muss dem Schüler der Unterschied zwischen dem Lesen zur Informationsgewinnung und dem figurativen Lesen beigebracht werden. Dieses «literarische» Lesen ist aber erst möglich, wenn das automatische mühelose Lesen beherrscht wird. (Maryanne Wolf). Bei diesem figurativen Lesen sollte man auch vokalisieren, um einen Text besser zu verinnerlichen. Mönche überfliegen ihre Breviere nicht nur mit den Augen, sondern bewegen beim Lesen auch ihre Lippen.

 

V.

Das automatische mühelose Lesen, das Voraussetzung für das figurative Lesen ist, muss immer wieder eingeübt werden, damit die beteiligten Prozesse vom präfrontalen Cortex in die Basalganglien verlagert werden. Damit wird das Arbeitsgedächtnis entlastet, womit es der Sinnerfassung und Sinngestaltung vollumfänglich zur Verfügung steht.

 

VI.

Wer Lesen lernt, muss den Text als begrenztes System mit komplexen Verbindungen zwischen den Elementen erfassen und darauf vorbereitet werden, dass der Akt des Lesens eine kreative Angelegenheit ist, aus der möglicherweise ein neues Verständnis der Welt resultiert.

 

Charles Hohmann, Dr. phil.